Zahnfehlstellungen bei Nagetieren und Kaninchen
von Guido Schweigart
aus "Fachpraxis" Nr. 34, November 98, Herausgeber: A. Albrecht GmbH, Aulendorf
Zahnprobleme gehören zu den häufigsten Vorstellungsgründen von Nagetieren und Kaninchen in der tierärztlichen Praxis. Leider werden viele Zahnfehlstellungen insbesondere im Bereich der Backenzähne erst beim Auftreten von Komplikationen vom Besitzer bemerkt, was eine erfolgreiche Behandlung erschwert. Als Ergänzung zur Vorstellung der neu entwickelten Zahnbehandlungsinstrumente in der letzten Ausgabe der Fachpraxis will ich hier kurz auf Ursachen, Verlauf und Komplikationen sowie Diagnose und Therapie von Zahnproblemen eingehen.
Ursachen
Zahnprobleme bei Nagetieren und Kaninchen können durch mehrere Faktoren entstehen. In erster Linie sind genetische Ursachen, falsche Ernährung sowie Verletzungen und Entzündungen der Maulschleimhaut zu nennen.
Besonders häufig kommen Zahnfehlstellungen bei kurzköpfigen Zwergkaninchen vor, die dem "Kindchenschema" nach als "niedlich" gelten und somit weite Verbreitung gefunden haben. Der kurze Schädel bedingt bei diesen Tieren geringfügige Fehlstellungen einzelner Zähne, die sich aufgrund der im nächsten Abschnitt beschriebenen Mechanismen zu schwerwiegenden Zahnproblemen ausweiten können. Auch bei anderen Tierarten, vorwiegend Chinchillas und Meerschweinchen, spielen genetische Faktoren bei der Entstehung von Zahnfehlstellungen eine Rolle, wenn auch hier andere Ursachen im Vordergrund stehen.
Die Ernährung ist ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung von Zahnproblemen. Vielfach sind die Tierbesitzer nicht zuletzt auf Grund der Werbung der Futtermittelindustrie falsch über die Bedürfnisse ihrer Tiere informiert Bei vielen herrscht die Meinung vor, daß durch ausreichende Mengen harten Futters ein Zahnüberwachstum vermieden werden kann. Dies gilt zwar in geringem Maße für die Nagezähne, ist aber für die Abnutzung der Backenzähne ohne Relevanz. Entscheidend ist nicht die Reibung der Zähne auf dem Futter, sondern die Reibung der Zähne aufeinander beim Kauvorgang. Wichtig ist also, daß nicht nur energiereiches Pellet- oder Körnerfutter verwendet wird, sondern vorwiegend Heu, Gemüse und Grünfutter. Das Körnerfutter sollte als Beifutter, nicht aber als Hauptfutter dienen. Bei einer solchen, der natürlichen Ernährungsweise nahekommenden Fütterung müssen die Tiere eine große Menge Futter pro Tag aufnehmen und somit auch zerkauen, um ihren Energiebedarf zu decken. Die ständig nachwachsenden Zähne werden besser abgenutzt als durch die nur relativ geringen Mengen an Körner bzw. Pelletfutter, die zur Deckung des Bedarfes notwendig sind. Positiver Nebeneffekt einer solchen Fütterung sind ein deutlich reduziertes Risiko von Verdauungsproblemen, sowie die Verhinderung der gerade bei Zwergkaninchen häufig zu beobachtenden Verfettung.
Auch Verletzungen und Entzündungen der Maulschleimhaut sind eine häufige Ursache von Zahnfehlstellungen. Bei Chinchillas und Meerschweinchen sind in erster Linie viral oder bakteriell bedingte Entzündungen zu beobachten, während beim Kaninchen Verletzungen durch das Einspießen von Fremdkörpern (Splitter, Dornen o. ä.) im Vordergrund stehen. Traumata im Bereich der Zähne selbst, z.B. durch Herunterfallen oder übermäßiges Nagen am Käfiggitter, sind ein Auslöser von Fehlstellungen vor allem der Nagezähne.
Eine Besonderheit der Chinchillas ist der Mineralstoffmangel, der durch ungenügende Mineralisation ebenfalls zu Fehlstellungen oder zum Abbrechen von Zähnen führen kann.
Verlauf und Komplikationen
Sowohl Nage- als auch Backenzähne von Kaninchen und den meisten als Heimtiere gehaltenen Nagetierarten zeigen ein ständiges Wachstum. Hieraus resultiert der typische Verlauf einer Zahnproblematik, bei der sich bereits kleine Auslöser nach und nach zu schweren Krankheitszuständen ausweiten können.
Fehlstellungen der Backenzähne, durch die sich die Reibeflächen der Zähne des Ober und Unterkiefers beim Kauvorgang nicht mehr vollständig abdecken, rufen kleine Zahnspitzen und -kanten hervor Diese werden durch das ständige Nachwachsen der Zähne kontinuierlich großer Die durch diese Veränderungen entstehende mechanische Behinderung, meist in Verbindung mit der Reizung von Wangenschleimhaut oder Zunge, bedingt einen unphysiologischen Kauvorgang. Aus der Fehlbelastung der betroffenen Zähne resultiert eine Aufweitung der Zahnfächer, die sich aufgrund der Hebelwirkung zunächst im distalen Bereich bemerkbar macht. Es entstehen kleine Knochenauftreibungen, die besonders am Unterkiefer von außen gut palpierbar sind. Durch die Lockerung der Backenzähne drehen sich diese im weiteren Verlauf häufig aus ihrer physiologischen, mehr oder weniger senkrechten Lage in eine flachere Position. Die oberen Zähne wachsen meist nach außen in die Wangenschleimhaut ein, während die unteren Backenzähne im Extremfall durch ein Wachstum nach innen die Zunge in ihrer Beweglichkeit stark einschränken und so das Abschlucken des Futters unmöglich machen können.
In die geweiteten Zahnfächer dringen Bakterien aus der Maulhöhle ein, die zu den sehr oft als Komplikation von Zahnfehlstellungen entstehenden Kieferabszessen führen. Durch die entzündlichen Vorgänge werden Teile des Kieferknochens eingeschmolzen. Die betroffenen Zähne fallen nun aus und hinterlassen tiefe Knochenhöhlen, die sich mit Futterresten anfüllen. Diese haben aufgrund von Fäulnisprozessen in Verbindung mit bakteriellen Infektionen selbst unter Antibiotika-Gabe nur eine sehr schlechte Heilungstendenz.
Die Abbildung zeigt das Präparat eines Kaninchenschädels mit Zahnfehlstellungen der Nagezähne und der Backenzähne. Aufgrund der Abszeßbildung zeigen Ober und Unterkieferknochen deutliche Auflösungserscheinungen; am Unterkiefer ragt der distale Teil des hinteren Backenzahnes bereits aus dem Kieferknochen heraus. Ferner ist eine starke Auftreibung des Unterkieferastes zu erkennen.

Abb.: Präparat eines Kaninchenschädels mit Zahnfehlstellungen und Abszeßbildung. Das krankhafte Zahnwachstum erfolgt sowohl in die Augenhöhle als auch durch den Unterkiefer.
Neben entzündlichen Veränderungen kommt es durch die reduzierte Nahrungsaufnahme bei vielen Tieren zur Abmagerung. Auch ernsthafte Verdauungsprobleme sind wegen der plötzlichen Änderung der Freßgewohnheiten verbunden mit der selektiven Aufnahme weicher Futterbestandteile nicht selten.
Diagnose
Die Untersuchung auf Erkrankungen im Bereich der Maulhöhle sollte zur Routinediagnostik bei allen in der tierärztlichen Praxis vorgestellten Kaninchen und Nagetieren gehören. Während Veränderungen der Nagezähne offensichtlich sind, wird zur Diagnose von Problemen im Bereich der Backenzähne zunächst die Maulhöhle mit einem Otoskop mit Metalltrichter untersucht Gut bewährt hat sich ein kleines Spreizspekulum, da geschlossene Trichter sich rasch mit schaumigem Speichel oder Futterbrei zusetzen können.
Sind bei der Otoskopuntersuchung trotz erkennbarer äußerer Anzeichen (insbesondere Speicheln, veränderte Kaubewegungen, Schrägstellung der Reibefläche der Nagezähne) keine Veränderungen zu erkennen, oder befindet sich eine größere Menge an Futterbrei in der Maulhöhle, so sollte immer eine gründliche Untersuchung angeschlossen werden. Wegen der erheblichen Streßbelastung für das Tier muß diese immer in Sedation durchgeführt werden, sofern der Allgemeinzustand dies zuläßt. Als Sedationsverfahren hat sich beim Kaninchen die Injektion von Medetomidin (Domitor®; 0,25 ml/kg i.m.) bewährt, dessen Wirkung mit Atipamezol (Antisedan®; 0,2 ml/kg im.) aufgehoben werden kann. Auch die perorale Gabe bzw. subkutane Injektion von Diazepam (2,5-5 mg/kg) führt bei den meisten Kaninchen zu einer ausreichenden Sedation. Auch beim Meerschweinchen hat sich die Gabe von Diazepam bewährt. Besser geeignet ist aber bei dieser Tierart eine kurze Isofluran-Narkose, deren Aufwachphase von ca.1-2 Minuten für die Untersuchung der Maulhöhle und die Korrektur von Zahnveränderungen in den meisten Fällen ausreicht. Chinchillas sollten wegen der vielfach vorhandenen Krampfneigung ausschließlich mit diesem Verfahren sediert werden, um bereits bei den ersten Anzeichen eines Krampfes die Zufuhr von Narkosemittel sofort unterbrechen zu können. Diazepam führt bei Chinchillas nicht zu einer ausreichenden Sedation.
Von Ketamin- und/oder Xylazin-Gaben sollte aus mehreren Gründen abgesehen werden. Einerseits besitzt Ketamin ein nicht zu unterschätzendes Krampfpotential, zum anderen zeigen die Tiere eine lange Nachschlafphase, die bei einem ohnehin schon katabolen Stoffwechsel durch die fehlende Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme bzw. künstlichen Ernährung fatale Folgen haben kann. Die bereits veränderte Darmflora kann zudem durch die reduzierte Darmaktivität in der Schlafphase Gärungsvorgänge auslösen, die sich in einer Tympanie manifestieren.
Als Prämedikation ist bei allen Tierarten Atropin in einer Dosis von 0,05-0,1 mg/kg subkutan zu verabreichen, um übermäßiges Speicheln (Aspirationsgefahr) zu verhindern.
Das Tier wird nun auf den Zahnbehandlungsstand gelegt, der zuvor auf die richtige Größe eingestellt worden ist. Bei vorhandenen Nagezähnen sollten die Metallstäbe diesen unmittelbar anliegen, um Quetschungen des weichen Gewebes des Unterkiefers bzw. des Gaumens zu vermeiden. Fehlen die Nagezähne oder sind diese zu kurz, so kann auch direkt am Gaumen oder am Unterkiefer angesetzt werden. Die Wangenfalten werden mit einem Wangenspreizer entsprechender Große zur Seite gedrängt. Nun kann die Maulhöhle vorsichtig von eventuell vorhandenen Futterresten gereinigt werden. Die Adspektion erfolgt am besten mit einer Stirnlupe mit Beleuchtung, da hiermit auch kleine Veränderungen gut sichtbar sind. Auch fällt die Orientierung im Vergleich zum zuvor im Otoskop gesehenen Bild leichter, da die Vergrößerungswerte ähnlich sind.

Abb.: Kaninchen im Zahnbehandlungsstand
Zur Adspektion der Maulhöhle sollte immer ein Maulspatel verwendet werden. Dieser wird vorsichtig an den Zahnreihen entlanggeführt, um so auch Zahnspitzen erkennen zu können, die in Schleimhautfalten verborgen liegen.
Therapie
Die Therapie von Zahnfehlstellungen besteht in der regelmäßigen, möglichst frühzeitigen Korrektur der Veränderungen. Je nach Wachstum der Zähne können die Intervalle zwischen zwei Wochen und mehreren Monaten Iiegen.
Zu lang gewachsene Schneidezähne werden am einfachsten mit der Zange korrigiert. Diese wird exakt nur jeweils an einen Zahn (!) angelegt, um ein Splittern zu vermeiden. Da besonders die unteren Nagezähne beim Abkneifen mit enormer Geschwindigkeit davonfliegen, sollte zum Schutz der Augen des Tierarztes ein gewisser Abstand eingehalten werden oder, selbst wenn es für manchen Tierbesitzer eigenartig aussehen mag, eine Schutzbrille getragen werden. Auch sollten allzu neugierige Tierbesitzer davon abgehalten werden, sich das Abkneifen der Zähne "ganz genau" anzusehen.
Alternativ dazu kann zur Korrektur der Schneidezähne auch eine kleine Trennscheibe verwendet werden. Da aber bei Abwehrbewegungen eine erhebliche Verletzungsgefahr gegeben ist, sollte diese Technik nur bei sedierten Tieren angewendet werden, während die Zangen-Korrektur problemlos auch bei unsedierten Tieren erfolgen kann.

Abb.: Benutzung der Zahnraspel
Zur Behandlung von Zahnproblemen im Bereich der Backenzähne wird die Maulhöhle beim sedierten Tier wie oben beschrieben mit dem Zahnbehandlungsstand und einem Wangenspreizer geöffnet. Einzelne Zahnspitzen werden mit der kleinen Korrekturzange abgekniffen, wobei Wangenschleimhaut bzw. Zunge mit dem Maulspatel zur Seite gedrängt werden. Zur nachfolgenden Glättung des Zahnes wird die Zahnfeile mit der feinen Körnung verwendet Größere Zahnkanten können mit der grob gekörnten Zahnfeile rasch entfernt werden. Auch hier schließt sich die Nachbearbeitung mit der feinen Feile an.
Wenn es die Verhältnisse in der Maulhöhle zulassen, sollten fehlgestellte Backenzähne, die sich bereits gelockert oder aus ihrer physiologischen Position herausgedreht haben, möglichst so gekürzt werden, daß sie beim Kauvorgang zunächst nicht mit ihrem Gegenstück in Kontakt kommen. Ziel dieses Vorgehens ist die Rückbildung der durch mechanische Fehlbelastung entstandenen Aufweitung der Zahnfächer. Auch bei stark gelockerten Zähnen sollte zunächst ein solcher Therapieversuch unternommen werden, da sich bei der Entfernung tiefe Knochenhöhlen bilden, die sich mit Futterbestandteilen anfüllen und somit Abszesse auslösen können.
Zur Verhinderung von Blutungen ist es insbesondere beim Abfeilen der Zähne wichtig, daß der Kieferwinkel, in dem starke Blutgefäße verlaufen, nicht berührt wird. Kommt es dennoch zu einer Verletzung dieser Gefäße, so ist der Zahnbehandlungsstand sofort in eine waagerechte Lage zu bringen bzw. im hinteren Bereich durch Unterlegen einen Gegenstandes zu erhöhen, um eine Aspiration des Blutes zu verhindern. Ein mit Adrenalin getränktes Wattestäbchen, das für einige Minuten in die Wunde eingelegt wird, stoppt die Blutung. Sicherheitshalber kann zusätzlich noch ein passendes Stück eines resorbierbaren Gelatinekissens eingelegt werden.
Eine häufige Folge von Zahnfehlstellungen sind Kieferabszesse. Diese können bei Kaninchen bis auf Hühnereigröße anwachsen. Der den Kaninchen und Nagetieren eigene zähe, käsige Eiter muß durch einen ausreichend großen Einschnitt entfernt werden. Die Abszeßhöhle wird mit einer körperwarmen 1:1 mit Wasser verdünnten PVP Jodlösung (z. B. Vet-Sept®) gespült. Bei der Spülung sollte der Kopf tief gehalten werden, um bei einer eventuellen Verbindung der Abszeßhöhle zur Maulhöhle eine Aspiration der Spülflüssigkeit zu vermeiden. In kleine Abszeßhöhlen können nun 2-3 Leukase- Kegel eingelegt werden. Alternativ dazu wird die Abszeßhöhle mit einer jodhaltigen Salbe (Vet-Sept® ) angefüllt. Von einer Tamponade ist abzusehen, da diese von den Tieren oftmals selbst entfernt und gefressen wird.
Die weitere Therapie besteht in der täglichen Spülung der Abszeßhöhle, die, solange sich noch Eiter bildet, gegebenenfalls immer wieder neu eröffnet werden muß. Ferner wird Antibiotikum verabreicht. Die besten Heilungsverläufe sind beim Kaninchen durch die Gabe von Clindamycin (z.B. Cleorobe ) in einer Dosierung von 7,5 mg/kg alle 12 Stunden zu erwarten. Wird dieser Wirkstoff nicht vertragen (eines von etwa 20 Kaninchen reagiert mit Durchfall), so ist das Mittel sofort abzusetzen. Gut bewährt hat es sich, schon bei Beginn der Antibiotikatherapie zusätzlich Milchsäurebakterien zu verabreichen. Meerschweinchen und Chinchillas darf Clindamycin keinesfalls verabreicht werden, da diese Tierarten fast immer mit schweren Durchfällen reagieren. Hier ist Chloramphenicol (Chloromycetin-Palmitat ) in einer Dosierung von 40-50 mg/kg alle 12 Stunden das Mittel der Wahl.
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