Kastration beim Meerschweinchenbock


Zusammenfassung des Vortrags vom 8. Mai 2006 in Wien

Wohl kaum eine Operation wird beim Meerschweinchen so kontrovers diskutiert, wie die Kastration der Böcke. Zum einen ist sie in vielen Fällen unnötig und die Halter werden durch Fehlinformationen verunsichert und zur Kastration gedrängt wie "unkastrierte Böcke stinken", "die Haltung mehrerer Böcke ist anders nicht möglich", "Böcke sind aggressiv", zum anderen hatte wohl kein anderer Routineeingriff in den letzten Jahren für viele Schweinchen und ihre Betreuer so einen unvorher- sehbaren und langen Leidensweg zur Folge.

Kastration - von lat.: castrare (schwächen, entkräften, berauben, entnehmen) - nennt man die operative Entfernung der Keimdrüsen. Das sind beim männlichen Tier die Hoden, bei weiblichen Tieren die Eierstöcke. Im Gegensatz dazu bedeutet Sterilisieren das "unfruchtbar machen", wobei die Keimdrüsen zwar erhalten bleiben, in ihrer Funktion aber eingeschränkt sind. Die Sterilisation ist beim Tier von untergeordneter Bedeutung.

Nutztiere werden kastriert, um von Sexualhormonen bewirkte geschmackliche und geruchliche Veränderungen des Fleisches zu verhindern (Schwein) oder um die Mastleistung zu erhöhen (Schwein, Rind). Männliche Pferde werden kastriert, um Sexualverhalten zu unterdrücken und sie so gefügiger zu machen. Das gleiche Ziel verfolgt die Kastration von Hund und Katze. Im Bereich der Heimtiere schließlich dient die Kastration ausschließlich der Verhinderung unerwünschten Nach- wuchses.

Der einzige Grund zur Kastration eines Meerschweinchens kann es sein, eine unkontrollierte Fortpflanzung zu verhindern, so dass männliche und weibliche Tiere ohne Risiko einer Trächtigkeit zusammenleben können. Im Allgemeinen werden die männlichen Tiere kastriert, da der Eingriff beim Bock um ein Vielfaches leichter und unkomplizierter ist als beim Weibchen.


Kastration dient ausschließlich der Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung!
(Tommi, Hanni und Timmi Meier)

Für eine Kastration spricht, dass sie die halbwegs artgerechte Haltung einer kleinen Herde aus Bock und Mädels ohne das Risiko einer Übervölkerung erlaubt. Es gibt zusätzliche positive Nebeneffekte bei kastrierten Böcken, das kann aber niemals der Grund für eine Kastration sein: ältere Tiere haben häufig Probleme mit der Perinealtasche. Bei kastrierten Böcken kommt das deutlich seltener vor als bei als unkastrierten. Viele Böcke besitzen eine sehr aktive Kaudaldrüse und diese produziert immerhin ein für menschliche Nasen nicht immer wohlriechendes, öliges Sekret. Die Kastration soll diese Sekretbildung deutlich vermindern. Das kann der Besitzer allerdings auch durch gelegentliche Hygienemaßnahmen erreichen.


verstopfte Perinealtasche beim Bock

Gegen eine Kastration spricht zunächst einmal die Tatsache, dass sie in vielen Fällen unnütz ist. Eine Kastration ist ein relativ großer Eingriff für ein Meerschweinchen. Kastration verhindert weder das typische Sexual- und Sozialverhalten der Böcke noch Streitereien. Statt dessen besteht ein Risiko von Wundheilungsstörungen und der Bildung von Abszessen an der Operationswunde, die deutlich größer ist als bei anderen Tierarten. Das liegt an der typischen Art von Harn- und Kotabsatz und der Reviermarkierung der Meer- schweinchen, die dabei ihr Hinterteil und damit die Wunde fest auf den sicherlich nicht immer absolut sauberen Untergrund drücken.

Alternativen zur Kastration ist die Haltung von Bockgruppen. Diese sind zwar nicht so leicht zu handlen wie Damenherden, aber es ist durchaus möglich, mehrere Jungs zusammen zu halten. Das kann aber nur erfahrenen Haltern empfohlen werden.

Alternative zur Kastration sind Bockgruppen.

Zeitpunkt der Kastration

Die Entscheidung darüber, wann ein Tier kastriert wird, sollte immer von dessen Lebensumständen abhängig gemacht werden. Über das optimale Alter zum Kastrieren gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Meerschweinchen sind sehr fortpflanzungsintensive Tiere. Sie können bereits im Alter von unter 5 Wochen geschlechtsreif werden, also zu einer Zeit, in der die Geschwister eines Wurfes meist noch nicht getrennt worden sind. Daraus resultiert häufig, dass die kleinen Weibchen oft schon gedeckt sind und tragend abgegeben werden.

Meerschweinchenböcke, die nach dem Eintritt der Geschlechtsreife kastriert wurden, können bis zu 6 Wochen lang noch zeugungsfähige Spermien in den Ampullen des Samenleiters "aufbewahren". Sie können noch ein einziges letztes Mal innerhalb dieser Karenzzeit für Nachwuchs sorgen. Das bedeutet für viele Tiere die Trennung von Mutter und Schwestern bereits im Alter von 4 - 5 Wochen, die Wartezeit bis zur Operation und weitere sechs Wochen "Sicherheitsabstand" bis zur Integration in eine artgerechte gemischtgeschlechtliche Gemeinschaft.

die männlichen Harnwege

Die männlichen Geschlechtsorgane beim Meerschweinchenbock. Die Ampullen des Samenleiters liegen in der Nähe der Prostata (7), also in der Bauchhöhle (nach Cooper/Schiller: Anatomy of the Guinea Pig).

Bild rechts: (1) Harnblase, (2) Hoden mit Nebenhoden und Fettgewe- be, (3) Enddarm, (4) Perinealtasche, (5) Penis, (6) Bulbourethral- drüsen, (7) Prostata, (8) Samenblasendrüsen.

Als idealer Zeitpunkt für die Kastration werden in der Literatur ein Alter von 5 - 6 Monaten und eine Körpermasse von mindestens 600 g angegeben. Dann sind die Böcke körperlich erwachsen, die Hoden haben ihre endgültige Lage erreicht und der Bock ist groß und kräftig genug, um den Eingriff gut zu überstehen. Als Höchstalter für eine Kastration wird meist ein Alter von 3 Jahren genannt, das sollte aber nicht vom Alter, sondern eher von der Konstitution abhängig sein. In jedem Fall steigt das Risiko sowohl der Narkose als auch der Operation mit fortschreitenden Lebensjahren.

Andere Autoren empfehlen, die Kastration sofort nach dem Hodenabstieg durchzuführen. Die Hoden liegen bei der Geburt in der Bauchhöhle und wandern nach Eintritt der Geschlechtsreife etwa in der 6. Lebenswoche an ihre zugedachte Position. Eine Operation zu diesem Zeitpunkt ist technisch sehr einfach, kann aber auch nachteilige Folgen haben. Beim männlichen Individuum sind die Geschlechtshormone, speziell das Testosteron, welches welches zum größten Teil in den Hoden gebildet wird, für die Ausbildung des "Bock-" Erscheinungsbildes mit verantwortlich. Dieses Hormon wird erst ab Eintritt der Geschlechtsreife in größeren Mengen gebildet. Das bedeutet, dass nach einer frühen Kastration das arttypische Gesamtbild des Tieres eventuell nicht der "Norm" entsprechen könnte.


Hoden, Nebenhoden und Fettkörper
nach einer Frühkastration

Bei der "Frühkastration" werden die kleinen Böckchen mit einem Gewicht von 200 - 250 g im Alter von 2 - 3 Wochen bereits vor Eintritt der Geschlechtsreife kastriert. Für diese Jungs ist keine Trennung von Eltern und Geschwistern und auch keine sechswöchige Wartezeit erforderlich. Je nach Art der Narkose sausen die Kleinen bereits nach 1 - 2 Stunden wieder durchs Leben, als wäre nichts gewesen. Die Narkose wird sehr gut vertragen und vor allen Dingen ist die Gefahr von Blutungen auf ein Minimum reduziert, weil die örtlichen Blutgefäße erst mit Eintritt der Geschlechtsreife so richtig ihre Funktion auf- nehmen.

Gegen eine Frühkastration spricht, dass die soziale Prägung, d.h. das Erlernen von Dominanzverhalten, Streitkultur, Konfliktsituationen zu lösen oder ihnen aus dem Weg zu gehen erst nach dem Erreichen der Geschlechtsreife stattfindet, also durch eine Frühkastration ganz oder teilweise unterdrückt werden könnte.

Man unterscheidet die bedeckte, die halbbedeckte und die unbedeckte Kastration, die sich jeweils darin unterscheiden, ob bzw. wie weit der "Processus vaginalis" dabei eröffnet wird. Das Bild zeigt die halbbedeckte Kastration. Der "Processus vaginalis" ist teilweise eröffnet, Fettkörper, Hoden und Neben- hoden sind sichtbar, bedeckt aber zwischen Klemme und Körper noch den Samenstrang und die Gefäße. Meer- schweinchen haben einen sehr weiten Leistenspalt, so groß, dass Hoden und Fettkörper in die Bauchhöhle zurückgezogen werden können. Wenn diese entfernt sind, können auf dem umgekehrten Weg sehr leicht Darmschlingen ihren Weg ins Freie finden, was dann das absolute Todesurteil für das Tier wäre. Deswegen ist ein Verschluß des Leistenspaltes sinnvoll, einer der Hautwunde unerläßlich.

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Frühkastration

Meerschweinchen sind sehr fortpflanzungsintensive Tiere. Sie können bereits im Alter von unter 5 Wochen geschlechtsreif werden, also zu einer Zeit, in der die Geschwister eines Wurfes meist noch nicht getrennt worden sind. Daraus resultiert häufig, dass die kleinen Weibchen oft schon tragend abgegeben werden.

Deshalb wurde von G. Morgenegg eine Methode zur Frühkastration entwickelt und in der Fachliteratur veröffentlicht (Morgenegg, G., 1995). Dabei werden die Männchen mit einem Gewicht von 200 - 250 g im Alter von 2 - 3 Wochen bereits vor Eintritt der Geschlechtsreife kastriert.

Pro und Contra zur Frühkastration werden im obigen Artikel genannt. Morgenegg konnte nach der Kastration von Brüdern aus einem Wurf in unterschiedlichem Alter weder bei den Gewichtskurven noch beim optischen Vergleich auffällige Unterschiede im Habitus zu unkastrierten Tieren beobachten.

Sachser schreibt, daß Männchen, die alleine oder nur in Gesellschaft eines weiblichen Tieres aufwachsen, später unfähig sind, Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen. Im Gegensatz dazu lernen Böckchen, die in Gruppen aufgezogen werden, damit umzugehen. Dieser Prozeß der sozialen Prägung findet erst nach dem Erreichen der Geschlechtsreife statt, wird also durch eine Frühkastration verhindert.

Die Operation

Bild rechts: Hoden, Nebenhoden und Fettkörper eines zweiein- halb Wochen (240 g) alten Böckchens.

Beim narkotisierten Tier wird in Rückenlage mit sanftem Druck die Harnblase geleert, dabei fallen die Hoden in die Hodensäcke vor (der physiologische Hodenabstieg findet erst im Alter von etwa 6 Wochen statt). Ein 3-4 mm langer Hautschnitt legt den Proc. vaginalis frei, der mit einer Moskitoklemme heraus- gezogen, eröffnet, mit einer zweiten Klemme körperwärts weggestreift und mit den Hodengefäßen möglichst körpernah abgeklemmt wird. Während die zweite Klemme möglichst ruhig gehalten wird, wird die erste vorsichtig weggezogen, bis die Gefäße und der Samenleiter reißen. Der kleine Fettkörper wird mit entfernt. Das Durchreissen und der Druck der Klemme genügen zur Blutstillung und zum Verkleben des Proc.vaginalis. Wundnaht mit einem Heft resorbierbaren Materials und Wundversorgung. Morgenegg hat in 5 Jahren etwa 300 Tiere auf diese Weise kastriert, ohne dass es zu Blutungen oder Inguinalhernien gekommen wäre.

Die Betreuerin von Janosch (im Bild rechts), der sich in Begleitung von Mutter und Schwester auf den Weg zur Operation gemacht hatte, konnte die ersten Stunden nach der Operation von ihrem Arbeitsplatz aus live überwachen und sie war "very pleased" darüber :-) Etwa 45 Minuten nach dem Eingriff schmeckte die Muttermilch schon wieder ganz besonders gut.

Literatur:

Cooper, Gale/Schiller Alan L.: Anatomy of the Guinea Pig; Harvard University Press 1975
Morgenegg, G.: Frühkastration - eine Chance zur Geburtenkontrolle beim Meerschweinchen; Tierarztliche Praxis 1995; 23: 313-5
Sachser, N.: Sozialpsychologische Untersuchungen an Hausmeerschweinchen, Verlag Paul Parey

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