Zahnerkrankungen und Zahnanomalien bei Hasenartigen und Nagern
Dr. Estella Böhmer
Propädeutik, Handling, physiologische Daten
.Seit einigen Jahren erfreuen sich Hasenartige und kleine Nager als Haustiere einer zunehmenden Beliebtheit. Sie werden vorwiegend als Spielkameraden für Kinder gehalten und infolge ihres recht hohen ideellen Wertes immer häufiger in der Praxis zur Untersuchung und Behandlung vorgestellt. Ein Großteil der Tiere leidet an einer angeborenen oder erworbenen Zahn- bzw. Kieferanomalie. Neben der korrekten Behandlung spielt bei den Zahnerkrankungen der Hasenartigen und Nager auch die Prophylaxe - z.B. in Form einer Futterumstellung auf Hartnahrung sowie einer regelmäßigen Kontrolle - eine entscheidende Rolle.
Der Untersuchung des Patienten setzt sich zusammen aus dem Erfassen der Anamnese, sowie der allgemeinen und speziellen Untersuchung. Zum Erheben der Anamnese verwendet man am günstigsten ein Anamneseformular (siehe Anlage!). Auch die Ergebnisse der allgemeinen und speziellen Untersuchung können in einer Art Fragebogen festgehalten werden (siehe Anlage!).
Eine fachgerechte Handhabung und sachgemäße klinische Untersuchung der sehr streßanfälligen kleinen Heimtiere ist äußerst wichtig, um eine unnötige Aufregung der Patienten sowie mögliche Verletzungen des Tieres selbst oder des untersuchenden Tierarztes bzw. Assistenten zu vermeiden. Auch wird dadurch das Vertrauen des Tierbesitzers in den behandelnden Arzt gestärkt. Allgemein gilt, daß man mit den Tieren sehr langsam und ruhig umgehen soll. Massive Zwangsmaßnahmen sind zu vermeiden.
Kaninchen neigen trotz langer Domestikation und Heimtierhaltung zur Schreckhaftigkeit. Eine gute Fixation der Tiere ist daher wichtig, da ansonsten infolge heftiger, explosionsartiger Abwehrbewegungen bzw. einem plötzlichen Nachvorneschnellen mit Ausschlagen der Hinterextremitäten leicht Frakturen oder Luxationen der Lendenwirbelsäule entstehen. Zum Herausheben aus dem Käfig verwendet man den "Nackengriff", wobei die Beckengliedmaßen unterstützt werden. Zur Untersuchung der Mundhöhle wird das Kaninchen auf den Tisch gesetzt, mit dem Rücken zur fixierenden Person. Diese preßt mit den Unterarmen vorsichtig, jedoch bestimmt den Tierkörper auf die Unterlage. Die Daumen sind hinter den Ohren und die Finger heben den Kopf unterhalb des Unterkiefers.
Meerschweinchen lassen sich manchmal schwierig fangen. Sie neigen ebenfalls zur Schreckhaftigkeit und sind somit wie die Kaninchen schockgefährdet. Zum Hochheben des Tieres wird mit einer Hand der Halsansatz bzw. die Schulter erfaßt, während die andere Hand die Hintergliedmaßen unterstützt. Zur Untersuchung der Mundhöhle kann der Patient auf dem Tisch sitzen oder aufrecht mit dem Rücken gegen die Brust der fixierenden Person gehalten werden. Mit dem Zeigefinger unter dem Kinn, den restlichen Fingem am Brustkorb und dem Daumen im Nacken, kann der Kopf leicht nach oben durchgestreckt und fixiert werden.
Hamster sind im allgemeinen friedliche Tiere. Man muß jedoch berücksichtigen, daß sie nachtaktive Tiere sind und schläfrig sehr unleidig sein können. Am besten fixiert man sie mit dem "Nackengriff". Nach der Nackenfixation wird die Hand gedreht und das Tier liegt mit dem Rücken in der Handfläche zum Untersucher gewandt. Schneidezähne und Backentaschen können so problemlos untersucht werden. Sehr ängstliche Tiere werden mit zwei Händen unter Bildung einer Höhle aus dem Käfig genommen.
Auch Gerbil, Maus und Degu werden mit Zeigefinger und Daumen im Nacken fixiert. Zum Herausheben aus dem Käfig können die Tiere auch erst an der Schwanzwurzel gefaßt und auf den Untersuchungstisch gesetzt werden. Ängstliche Tiere werden, unter Imitation einer Höhle, mit beiden Händen umschlossen und vorsichtig hochgehoben. Streß muß bei dieser Tierart unbedingt vermieden werden, da sie bei plötzlich auftretenden Geräuschen oder Erschütterungen zu kataleptischen bzw. epileptiformen Zuständen neigen. Diese können 15-30 Sekunden dauern. Sie vergehen in der Regel reaktionslos und bedürfen keiner Therapie.
Ratten sind meist friedfertig und beißen nicht. Bei handzahmen Tieren kann zum Herausheben aus dem Käfig mit der Hand über ihnen eine Höhle gebildet werden. Danach umgreift man fest die Schulter und hebt das Tier hoch. Bei schweren Tieren werden hierbei die Beckengliedmaßen mit der anderen Hand unterstützt. Aggressive Ratten werden an der Schwanzwurzel gefaßt und hochgehoben. Anschließend wird der Kopf am besten mit Daumen und Zeigefinger knapp hinter den Mandibeln fixiert. Der Daumen sollte möglichst weit unter dem Unterkiefer und der Zeigefinger dorsal um den Hals des Tieres liegen, damit durch Druck des Daumens gegen den Unterkiefer ein Beißen verhindert werden kann. Kräftigere, schwere Tiere mit mehr als 500gr Körpergewicht dürfen nicht am Schwanz hochgehoben werden. Zur Untersuchung der Zähne kann auch der "Nackengriff' eingesetzt werden.
Chinchillas sind sehr friedliche Tiere, bei denen Zwangsmaßnahmen nicht angewendet werden müssen. Besonders unruhige Exemplare läßt man am besten von der Bezugsperson festhalten oder wickelt sie einfach in ein Handtuch. Die Tiere werden erst mit ruhiger Stimme angesprochen und dann mit beiden Händen gezielt und bestimmt, jedoch unter Vermeidung schneller Bewegungen aus dem Käfig herausgenommen. Während eine Hand mit Daumen und Zeigefinger den Schwanzansatz fixiert, greift die andere unter den Brust-Bauchbereich. Beim Chinchilla kann es bei unfachmäßiger Fixation oder in Streßsituationen zum "fur slip" kommen. Es dauert ungefähr 5 Monate, bis die ausgefallenen Haare durch neue ersetzt sind. Der Schwanzansatz muß bei weiteren Manipulationen stets fixiert bleiben, um auf ein plötzliches Fortspringen des Tieres reagieren zu können. Zur Untersuchung der Mundhöhle werden ein oder beide Ohren mit der freien Hand fixiert.
Streifenhörnchen sollten stets mit Handschuhen gefaßt werden. Auch ganz handzahme Tiere können in fremder Umgebung und bei ungewohnten Manipulationen plötzlich zubeißen . Am einfachsten fixiert man sie mit Hilfe eines Handtuchs, wobei der Kopf mit Daumen und Zeigefinger hinter den Mandibeln fixiert wird.
Zahnanatomie, Zahnwachstum, Gebißformeln
Bei den Hasenartigen und Nagern wird auf Grund der Anzahl der Incisivi zwischen Duplicidentata und Simplicidentata unterschieden. Erstere haben im Oberkiefer 4 Schneidezähne. In Ruhestellung und bei korrektem Kieferschluß liegen die unteren Inzisivi den kleinen Stiftzähnen auf. Zur Gruppe der Duplicidentata zählen Kaninchen und Hasen. Die Schneidezähne dieser Tierart sind allseitig von einer Schmelzschicht bedeckt; diese ist lippenseitig relativ dick und wird zur lingualen Seite hin dünner. Die akzessorischen Schneidezähne sind relativ kurz, weniger gekrümmt und ebenfalls allseitig von einer in der Stärke wechselnden Schmelzschicht umgeben.
Meerschweinchen, Chinchilla, Degu, Ratte, Maus, Hamster, Gerbil und Streifenhörnchen gehören zur Gruppe der Simplicidentata bzw. Nager oder Rodentia. Die Schneidezähne dieser Tierarten sind nur labial und seitlich schmelzüberzogen. Die Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers haben bei den Nagern im Gegensatz zu den Hasenartigen in Ruhestellung keinen Kontakt zueinander.
Desweiteren wird bei den zu zwei Drittel in der Alveole sitzenden Schneide- und Backenzähnen der Hasenartigen und Nager zwischen sog. "wurzellosen" und "normalen" Wurzelzähnen unterschieden. Erstere haben keine anatomische Wurzel, da sie auch im Bereich der Alveole von einer Schmelzschicht bedeckt sind. Das offene Foramen apicale ermöglicht ein lebenslanges Zahnwachstum. Wurzellos sind die Incisivi der Hasenartigen und Nager sowie die Backenzähne der Hasenartigen, des Meerschweinchens, Chinchillas und Degus. Ratte, Hamster, Maus, Streifenhörnchen und Gerbil haben hingegen sog. "normale" Prämolaren und Molaren.
Zahnformeln:
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Kaninchen |
Streifenhörnchen |
Meerschweinchen |
Degu, Chinchilla |
Hamster |
Maus, Gerbil |
Ratte |
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Das Kopfskelett der Hasenartigen und Nager ist sehr spezifisch geformt. Der Unterkiefer ist ebenso, wie die Kaumuskulatur, sehr kräftig ausgebildet. Die fest in den Alveolen verankerten, z.T. schmelzfaltigen Backenzähne haben feilenartige Reibeflächen und sind somit für die Mahlfunktion ideal ausgebildet.
Bei Ratte, Maus, Hamster und Streifenhörnchen okkludieren die Backenzahnreihen wie beim Kaninchen senkrecht stehend. Beim Chinchilla und Meerschweinchen sind sie hingegen leicht geneigt; und zwar im Oberkiefer nach bukkal und im Unterkiefer nach lingual. Die Zahnneigung nimmt vom ersten zum letzten Zahn hin ab.
Während die Backenzähne des Kaninchens, Meerschweinchens, Chinchillas und Degus schmelzfaltig sind, haben Maus, Hamster, Ratte, Streifenhörnchen und Gerbil sog. "Höckerzähne".
Die Wachstumstendenz der Schneidezähne aller Hasenartigen und Nager ist grundsätzlich gleich und enorm hoch. So beträgt die durchschnittliche Wachstumsrate der Kaninchenschneidezähne 0,5-0,75 mm in 24 Stunden; wobei die unteren Schneidezähne etwas schneller wachsen als die oberen. Wird beim Abfräsen überlanger Zähne die Pulpahöhle eröffnet bzw. ein größerer oder kleinerer Anteil der peripheren Pulpa entfernt, so ist dies ohne Einfluß auf die Wachstumsgeschwindigkeit. Auch der Reiz des Absägens soll kein wachstumsfördernder Faktor sein. Die Wachstumsgeschwindigkeit der Schneidezähne ist jedoch vom Alter der Tiere abhängig. Je jünger die Tiere sind, desto schneller wachsen die Zähne.
Das Milchgebiß ist für die Hasenartigen und Nager ohne praktische Bedeutung. So brechen z.B. beim Meerschweinchen die Milchbackenzähne bereits ante partum - zwischen dem 43. und 48. Tag - durch das Zahnfleisch durch. In jeder Kieferhälfte je ein Zahn. Bis zum 55. Tag der Trächtigkeit sind sie bereits wieder vollständig intrauterin resorbiert. Die Tiere werden also bereits mit bleibenden Zähnen geboren und können bereits sofort nach der Geburt feste Nahrung aufnehmen. Ebenso wechseln Chinchillas das Milchgebiß praenatal. Beim Kaninchen bleibt das Milchgebiß in den ersten Tagen nach der Geburt erhalten; der Zahnwechsel erfolgt im Alter von 3-5 Wochen.
Die Kiefergelenke der Hasenartigen und Nager sind ebenfalls besonders ausgebildet. Während die Carnivoren Scharniergelenke haben, die ein einfaches Öffnen und Schließen der Kiefer ermöglichen, ist das Kiefergelenk der kleinen Heimtiere schlittenförmig ausgebildet. Neben Öffnungs- und Schließbewegungen ermöglicht dies vornehmlich Unterkieferverschiebungen nach vorne und rückwärts. Auch die Kiefermuskulatur zeigt Besonderheiten. Während bei den Carnivoren der M.temporalis neben dem M. masseter und dem M.pterygoideus intemus besonders stark entwickelt ist, ist bei den Hasenartigen und Nagern der M.masseter der mächtigste Kaumuskel.
Eine Besonderheit der "wurzellosen" Backenzähne bei Kaninchen und Meerschweinchen ist das ektopische Wachstum. Hierbei kann der Kieferknochen ohne pathologische Prozesse an den Zähnen aufgetrieben werden; und zwar durch eine physiologische Resorption und gleichzeitige Apposition von Knochensubstanz unterhalb der Backenzahnreihe. Diese Ausbuchtungen entsprechen verlängerten Backenzahnalveolen, die mit Zahnsubstanz gefüllt sind. Vereinzelt ist der Knochen porös aufgelöst, so daß die Zähne über die äußere Alveolarwand freiliegen können. Diese Veränderungen können sowohl im Unter- als auch Oberkiefer auftreten.
Sedierung und Narkose, Narkoseüberwachung, Narkoseprobleme, Kontrolle während der Aufwachphase
Hasenartige und Nager sind sehr empfindliche und anspruchsvolle Anästhesiepatienten mit einem verhältnismäßig hohem Narkoserisiko. Vor Einleitung der Narkose müssen der Gesundheits- und Ernährungszustand des Patienten inklusive Körpergewicht exakt erfaßt und entsprechend bei der Dosierung der Narkotika berücksichtigt werden. Auch das Herz-Kreislauf-System sowie das Atmungssystem sind sorgfältig zu untersuchen. Relativ viele Hasenartige und Nager - vor allem ältere Tiere und Ratten - leiden an latenten chronischen Atemwegserkrankungen. Symptome wie Niesen, Röcheln, Husten, forciertes Atmen oder leichter Nasenausfluß können hierauf hinweisen. Kleine Heimtiere mit Zahnerkrankungen befinden sich infolge der eingeschränkten Futteraufnahme und des langwierigen Krankheitsverlaufes oft in einem katabolen Stoffwechselzustand mit Entgleisungen im Elektrolyt, Glukose sowie Säure-Basen-Haushalt (Hypoglykämie, Hämokonzentration, Ketose, Azidose). Vor der Narkose empfiehlt sich in diesen Fällen - soweit möglich - eine Blutuntersuchung ggf. mit Blutgasanalyse. Entsprechend den Befunden oder aufgrund empirischer Werte wird eine eventuell mehrtägige intravenöse oder subkutane Infusionstherapie durchgeführt. Eine bereits vor der Narkose bestehende Dehydrierung und Blutazidose kann unter Narkose ganz erheblich verstärkt werden und über eine schwere Kreislauf- bzw. Ateminsuffizienz zu Narkoseproblemen oder gar zum Exitus führen. Kachektische Tiere werden zusätzlich mehrere Tage vor der Narkose mit einer kohlenhydrat- und elektrolytreichen Flüssignahrung (z.B. Oralpädon mit Honig oder Traubenzucker) oder artspezifischen Zwangsernährung auf die Narkose vorbereitet. Meerschweinchen erhalten vor der Narkose routinemäßig 50-100mg/Tier Vitamin-C, da eine Vitamin-C-Unterversorgung das Narkoserisiko beträchtlich erhöht und auch die Nachschlafphase verlängert. Bei allen Patienten ist die Verabreichung eines kleinen Multivitaminbolus (0,5-l,Oml eines Multivitaminpräparates) empfehlenswert.
Vor und zur Einleitung der Narkose werden die Tiere in einen ruhigen, ev. etwas abgedunkelten Raum verbracht werden, da ansonsten Erregungserscheinungen das Narkoserisiko erhöhen können. Eine rutschfeste Unterlage und ruhige Handhabung der Tiere beim Verabreichen der Anästhetika sind selbstverständlich. Auch die Raumtemperatur spielt neben der Tageszeit eine die Stoffwechselfunktion beeinflussende Rolle. Bei nachtaktiven Tieren, wie Chinchilla, Hamster, Meerschweichen und Ratten, sollte die Narkose entweder am frühen Morgen (8-11 Uhr) oder abends durchgeführt werden, um lange Nachschlafphasen zu vermeiden.
Die für Hasenartige und Nager empfehlenswerten Sedativa und Narkotika und die entsprechenden Dosierungen für die einzelnen Tierarten sind in der beiliegenden Tabelle angeführt. Infolge der besonderen Kreislauflabilität der Hasenartigen und Nager werden die Anästhetika stets individuell) und - abhängig vom AIter und dem Allgemeinzustand des Patienten - streng nach Wirkung appliziert. Um Nekrosen zu vermeiden, werden die Narkotika bei allen kleinen Nagern ausschließlich mit physiologischer Kochsalzlösung verdünnt intramuskulär oder besser intraperitoneal verabreicht werden.
Zur Vorbeugung eines möglichen Blutdruckabfalls während der Narkose können Hasenartigen und Nagem subkutan oder intraperitoneal warme Elektrolytlösungen (5-20 ml/kg) verabreicht werden. Der Kreislauf stabilisiert sich auf diese Weise recht gut. Alternativ können beim Kaninchen oder Meerschweinchen bei länger dauernden Narkosen auch intravenöse Infusionen durchgeführt werden (3-11 ml/kg/Std.).
Die Beurteilung der Narkosetiefe erfolgt anhand der Atemfrequenz und der Atmungstiefe, des Muskeltonus, der Pupillengröße bzw. Pupillarreaktion, der Farbe der sichtbaren Schleimhäute, Reflexantworten auf bestimmte Stimuli (Lidschlag, Kornealreflex, Ohrblasreflex, Zwischenzehenreflex, Hautreflex) sowie dem Tonus der Muskulatur, insbesondere der Kiefer- und Bauchmuskulatur sowie der Muskeln der Hintergliedmaßen. Hasenartige und Nager zeichnen sich durch eine hohe Reflexaktivität aus, völlige Reflexfreiheit bedeutet eine zu tiefe Narkose, die rasch zu einer irreversiblen Atemlähmung bzw. Asphyxie führt. Der Zwischenzehen-, Ohrblas- sowie Komealreflex sollen - nach Ansicht der meisten Autoren - im chirurgischen Stadium der Narkose noch auslösbar sein. Die Reflexantwort sollte jedoch nur noch schwach ausfallen. Es gibt jedoch abhängig vom verwendeten Narkosemittel, der Tierart oder der Rasse große individuelle Unterschiede. Eine geringe Toleranzbreite zwischen reflexfreier Narkose und irreversibler Atemlähmung gilt vor allem für Mononarkosen. Bei Kombinationsanästhesien bzw. Neuroleptanalgesie wird die therapeutische Breite etwas größer. Atemfrequenz und Atemtiefe gelten bei Hasenartigen und Nagem als die besten Parameter für die Beurteilung der Narkosetiefe. Im chirurgischen Toleranzstadium ist die Atmung regelmäßig und tief, die Pupillen sind mittelgradig dilatiert. Die Sauerstoffsättigung des Blutes wird über die Farbe der sichtbaren Schleimhäute sowie die Farbe der Nase bzw. Fußsohlen beurteilt. Wichtige Parameter zur Beurteilung der Herz-Kreislauffunktion sind des weiteren die Herzfrequenz, -rhythmus und die Kapillarfüllungszeit. Pulsfrequenz, Pulsqualität und -rhythmus können durch direkte Palpation einer peripheren Arterie, beim Kaninchen am einfachsten die A. auricularis, oder des Herzspitzenstoßes beurteilt werden. Als technisches Hilfsmittel stehen das Elektrokardiogramm oder das Ösophagusstethoskop zur Verfügung. Mit letzterem kann gleichzeitig die Herz- und Atemfrequenz festgestellt werden.
Alarmzeichen einer zu tiefen Narkose sind ein fehlender Komealreflex oder eine völlige Areflexie. Mydriasis, Protrusio bulbi mit Nickhautvorfall und starre, weite Pupillen ohne Pupillarreaktion weisen ebenfalls auf Narkoseprobleme hin. Auch eine zunehmende Zyanose der sichtbaren Schleimhäute, flache Atmung oder verstärkt diaphragmatische Atmung mit forcierter Inspiration bzw. Schnappatmung sind Hinweise für ein zu tiefes Narkosestadium. Vorübergehende Atemdepressionen treten bei Kaninchen relativ oft auf, vor allem, wenn sie an einer subklinischen Atemwegserkrankung leiden oder kurz nach Einleitung der Narkose, wenn die Anästhetika ~ zu schnell verabreicht werden. Bei Narkoseproblemen muß sofort die Herz-/Kreislauf- und Atmungssituation überprüft werden. Bei exzessiver trachealer Sekretion oder Hypersalivation wer den die oberen Luftwege von Schleim befreit (Absaugung). Über eine Maske oder einen kleinen Schlauch wird reiner Sauerstoff zugeführt. Bei sistierender Lungenexkursion kann das Tier in der Längsachse geschwenkt oder direkt über die Nase vorsichtig beatmet werden. Bei Bedarf erfolgt eine extreme Thoraxkompression mit einer Frequenz von ca. 50-100/min. Wichtig ist auch die Kontrolle der Körpertemperatur. Zur Unterstützung des Kreislaufs werden - je nach Größe des Patienten - intravenös oder subkutan warme Infusionen verabreicht. Als Notfallmedikamente sollten stets Aminophyllin (1-2mg/kg; Dilatation der Bronchialmuskulatur), Doxapram (2-4mg/kg; Atemstimulans), Prednisolon (2-10mg/kg; Schocktherapie) und Adrenalin (0,05-0,1m1/kg i.c.; Herzstimulation) greifbar sein. Bei Narkoseproblemen kann zusätzlich eine Antagonisierung des Diazepam mit Flumazenil (0,03-0,3mg/kg) bzw. des Xylazin mit Tolazolin (2-4mg/kg), Johimbin (1-4mg/kg) oder Atipamezol (0,05-0,2mg/kg) durchgeführt werden.
Eine erfolgreiche Anästhesie und problemlose Aufwachphase bei Hasenartigen und Nagem erfordert eine intensive Überwachung des Patienten. Auch sollte die Narkose so kurz wie möglich gehalten werden. Auch wenn der Patient aufrecht im Käfig sitzt, so ist die Lebensgefahr noch nicht gebannt. Nicht nur während der Narkose sondern auch in der mehrstündigen Aufwach- und Nachschlafphase sind alle Hasenartigen und Nager besonders anfällig für einen Temperaturverlust. Einerseits ist die normale Temperaturregelung durch Narkotika gedämpft und andererseits verlieren die kleinen Nager über die verhältnismäßig große Körperoberfläche im Vergleich zu ihrem Gewicht viel Wärme. Eine Hypothermie kann neben Narkosekomplikationen zu einer deutlich verlängerten Nachschlafphase und sogar plötzlichen Todesfällen führen. Die Patienten können zur Verhinderung eines Temperaturabfalls in Aluminiumfolie eingewickelt oder auf zirkulierende Warmwassermatten oder elektrische Wärmkissen gelegt werden. Auch eine Infrarotbestrahlung ist möglich; jedoch ist hierbei die Gefahr der Überhitzung relativ groß. Um eine hypostatische Lungenkongestion zu vermeiden sind die Tiere während der Aufwachphase alle 30 Minuten zu wenden. Bei Chinchillas muß desweiteren berücksichtigt werden, daß sie latent oder manifest an einem Ca.- bzw. Mineralstoff-Mangel-Syndrom leiden können. Es zeigt sich in einer verstärkten Krampfneigung der Tiere, vor allem bei Aufregung. Erst durch die Narkose kann das Krankheitsbild manifest werden. Infolgedessen ist bei Chinchillanarkosen sowohl in der Einleitungs- als auch Aufwachphase eine ständige Überwachung angezeigt.
Ätiopathogenese, Symptome, Befunde, Nachbehandlung, Prognose
Die Malokklusion im Bereich der Incisivi in Form der Brachignathia superior mit gleichzeitig stärkerer Aufwölbung der Nasenbeine und verkürztem Diastema wird ebenso wie ein seltener vorkommender fehlerhafter Krümmungsradius der Schneidezähne oder die Camphylognathie allgemein als Erbfehler angesehen. Die Vererbung ist beim Kaninchen einfach autosomal rezessiv mit unvollständiger bzw. verhältnismäßig variabler Penetranz; d.h. daß nicht alle homozygot rezessiven Individuen den Defekt zeigen. Als zweithäufigste Ursache können die Incisivi aber auch fütterungsbedingt, bei zu weicher Nahrung, mangelhaft abgerieben werden. Auch exogene Faktoren, z.8. Kieferfrakturen, Zahnfrakturen, traumatischer Zahnausfall, stumpfes Alveolartrauma mit Schädigung des Zahnkeimes oder entzündliche Prozesse können zur Malokklusion führen. Durch das Trauma oder die Entzündung kann die Kieferform oder die Richtung der Zahnfächer verändert werden.
Die Ätiopathogenese der Malokklusion im Bereich der Backenzähne ist hingegen umstritten. Es ist ungeklärt, ob die Malokklusion Zahnüberwachstum oder Zahnüberwachstum die Malokklusion hervorruft. Ursächlich angeführt werden wie bei den Schneidezähnen eine genetische Prädisposition mit angeborener Zahnfehlstellung, wobei in der Regel die ganze Backenzahnreihe einen veränderten Neigungswinkel aufweist. Die Veränderungen sind im Prämolarenbereich meist ausgeprägter. Desweiteren kann ursächlich eine fütterungsbedingte mangelhafte Abnutzung der Backenzähne vorliegen. Auch eine entzündungsbedingte Schädigung der Zahnanlage oder Zahnsubstanz sowie Störungen des Ca-P-Haushaltes können zur Wachstums- und Stellungsanomalie vereinzelter Backenzähne führen. Als weitere Ursachen der Malokklusion kommen - wie im Schneidezahnbereich - Traumata oder iatrogene Verletzungen der Zahnsubstanz bei der Zahnextraktion oder inkorrekten Zahnkürzung in Betracht.
Die Symptome sind bei Heimtiere mit odontologischen Erkrankungen recht charakteristisch und bestehen oft über einen längeren Zeitraum, d.h. Wochen oder gar Monate. Bei zunächst erhaltenem Appetit verweigern die Tiere harte, später auch weiche Nahrung. Vermehrte Salivation tritt in der Regel nur bei Malokklusion im Bereich der Backenzähne auf. Durch das unzureichende Vermahlen des Futters kann Diarrhoe auftreten. Auch wird die unvollständig zerkleinerte Nahrung nur unzureichend verwertet, so daß die Tiere Gewicht verlieren. Bei länger andauernden Kaubeschwerden magern die Tiere infolge zunehmender Inappetenz noch stärker ab. Endstadien der Erkrankung sind völlige Apathie, Dehydration und Kachexie. Aber auch Entwicklungshemmungen bei Jungtieren oder therapieresistente chronische Augenentzündungen können auf primäre Zahnerkrankungen hinweisen.
An den Schneidezähnen der Hasenartigen und Nager wird als Hauptbefund meist ein Zahnüberwuchs als Folge mangelhafter Zahnabnutzung bei vorliegender Brachygnathia superior oder zu weicher Nahrung diagnostiziert. Seltener sind Schmelz- (und Dentin-) hypoplasien, die erblich sein können oder als Folge einer Rachitis auftreten. Im Bereich der Backenzähne werden neben oft ausgeprägten Zahnspitzen mit sekundären Zungen- bzw. Backenschleimhautläsionen häufig auch "Treppenzahnbildungen" diagnostiziert. Die Abreibung erfaßt nicht mehr die gesamte Kaufläche; einzelne Backenzähne mit meist weicherer Zahnsubstanz werden stärker abgerieben. Bei Meerschweinchen überwiegt die Brückenbildung im Prämolarenbereich, wodurch die Zunge in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt und der Nahrungstransport sowie das Abschlucken behindert sind. Ursächlich liegt hier eine stärkere Neigung der gesamten Backenzahnreihe vor.
Bei der Nachbehandlung muß berücksichtigt werden, daß viele Patienten, vor allem Meerschweinchen, nach der Zahnsanierung nicht sofort selbständig Futter aufnehmen. Bei Schmerzzuständen können versuchsweise Analgetika verabreicht werden. Hierzu eignen sich Metamizol) (30-50mg/kg) oder Acetylsalicylsäure (10mg/kg). Bei anhaltender Futterverweigerung müssen die Tiere jedoch zur Vermeidung einer Hungerketose (besonders Meerschweinchen) oft über einen längeren Zeitraum artspezifisch zwangsernährt werden. Geeignet ist für Kaninchen ein Gemisch aus 1/3 Baby-Gemüsebrei oder geriebenen Karotten, 1/3 Instant-Haferflocken sowie 1/3 aufgeweichter Pellets. Von Meerschweinchen wird lieber ein Apfel/Möhren/Salatgemisch angenommen. Hinzu kommen zur Normalisierung der physiologischen Darmflora Joghurt oder Laktobazillen. Neben einer Aminosäurelösung kann dem Gemisch auch Traubenzucker oder Honig beigefügt werden. Beim Meerschweinchen kommen 50-100mg Vitamin-C hinzu. Bei länger anhaltenden Dysbakterien kann eine Kotaufschwemung gesunder Tiere verabreicht werden. Die Zwangsfütterung wird mehrmals täglich in kleineren Portionen peroral mit einer Spritze durchgeführt oder über eine Magensonde.
Wichtig ist auch eine regelmäßige Kontrolle der Patienten. Bei den geringsten Anzeichen von Inappetenz müssen die Tiere sofort zur Untersuchung und frühzeitigen Therapie vorgestellt werden. Ein wesentlicher Faktor für die Rezidivprophylaxe bei weniger ausgeprägten Fehlstellungen der Zähne bzw. der Kiefer ist ein ausreichendes Angebot an Hartfutter. Hierzu zählen trockenes Brot, Weiden-, Buchen-, Obstbaumzweige und frisches Heu und Stroh ad libitum. Die Fütterung von harter Nahrung beeinflußt nachweislich das Wachstum und die Abnutzung der Schneidezähne. Sind hingegen die Zahnfächer hochgradig verformt und Einzelzahnfehlstellungen die Folge, so kann die mangelhafte Zahnabnützung mit einer entsprechenden Futterumstellung kaum beeinflußt werden
Bei einer eventuell erforderlichen Antibiotikatherapie muß berücksichtigt werden, daß verschiedene Antibiotika für Hasenartige und Nager indirekt toxisch sind. Hierzu zählen Penicillin, Ampicillin, Lincomycin, Streptomycin, Erythromycin, Bacitracin, Tylosin, Clindamycin. Die Ursache der Antibiotikaunverträglichkeit ist eine sekundäre Veränderung der Darmflora. Besonders selektiv gegen grampositive Keime wirkende Substanzen, wie z.B. Penicillin, können durch Hemmung der physiologischen Darmflora, meist grampositive Laktobazillen und Streptokokken, Dysbakterien und Enterotoxämien mit perakutem oder subakutem Endotoxinschock hervorrufen. Nach anfänglicher Inappetenz, später völliger Anorexie, Hypothermie und Dehydration kann es zum schnellen Tod des Tieres kommen. Orale Gaben dieser Antibiotika sind gefährlicher als parenterale Applikationen. Für Hasenartige und Nager empfehlenswerte Antibiotika sind: Chloramphenicol, Sulfonamide, Trimethoprim-Sulfonamide, Oxytetracyclin, Doxycyclin und Enrofloxacin.
Wird die Zahnsanierung rechtzeitig durchgeführt, d.h. bei gutem Allgemeinbefinden und zufriedenstellendem Emährungszustand der Patienten, und ist der Krankheitsverlauf komplikationslos, so ist die Prognose im allgemeinen gut. Auch die Art der Zahn- bzw. Kieferveränderungen spielt ein Rolle. Im Gegensatz zu manchen erworbenen Befunden (vereiterter Backenzahn, Zahnfraktur) können kongenitale Zahn- oder Kieferfehlstellungen durch korrektive Maßnahmen an den Zähnen allein nicht beseitigt werden. Desweiteren hat auch das AIter der Tiere eine die Prognose beeinflussende Rolle. Je jünger die Tiere zum Zeitpunkt der Erstvorstellung sind, desto ungünstiger ist die langfristige Prognose, da mit häufigen Rezidiven gerechnet werden muß. Allgemein gilt, daß bei Veränderungen im Schneidezahnbereich durchschnittlich alle 6 Wochen eine Nachuntersuchung bzw. Therapie erforderlich ist; im Backenzahnbereich treten Rezidive in der Regel nach durchschnittlich 6 Monaten auf.
Untersuchungs-, Diagnose- und Narkosebericht bei Hasenartigen und Nagern mit Zahnerkrankungen bzw. Zahnanomalien:
Tierarzt:Allgemeine Untersuchung:
Allgemeinbefinden/Verhalten:
Emährungszustand:
Pflegezustand:
Besonderheiten (z.B.: Haarkleid, abnorme Laute, Umfangsvermehrungen, Durchfall):
Atmung:Puls:
Körpertemperatur:
Schleimhäute:
Hautturgor:
Gewicht des Tieres:
Spezielle Untersuchung:
Vermehrte Salivation
Dermatitis im Unterkieferbereich
Nasenausfluß
Augenausfluß
Auftreibung im Kopfbereich
Aufbruchstellen im Kopfbereich
Lymphknotenverdickung im Hals-/Kopfbereich
Prognathia mandibularis
Überlange Schneidezähne
Stiftzahnanomalien
Schmelz-/Dentinhypoplasie
Zahnspitzen im Backenzahnbereich
Brückenbildung im Backenzahnbereich
Fehlstellung einzelner Zähne
Veränderte Zahnsubstanz
Veränderte Zahnfarbe (Pigmentierung)
Zahnfraktur
Zungenverletzung
Backenschleimhautläsion
Generalisierte Stomatitis
Eiterausfluß im Bereich der Mundhöhle, Lokalisation
Kieferfraktur
Konjunktivitis
Rhinitis
Zusatzbefunde:
Röntgen
Blutuntersuchung
Bakteriologische Untersuchung mit Antibiogramm
Zusätzliche Untersuchungen (z.B. Histologie):
Diagnose:
Therapie:
Narkose:
Besonderheiten:
Nachbehandlung:
Kontrolle: