Erkrankungen des Harntraktes beim Meerschweinchen

Glücklicherweise haben die Meerschweinchen wenige Schwierigkeiten mit Erkrankungen des Harntraktes. Sollten diese dennoch auftreten, können sie jedoch sehr schmerzhaft oder sogar lebensbedrohlich sein. Diese kurze Zusammenfassung soll helfen, frühzeitig Probleme zu erkennen und deren Dringlichkeit richtig einzuschätzen.

Der Harntrakt beginnt mit den Nieren, welche beidseitig hinter dem Rippenbogen unterhalb der Lendenwirbel in große Fettkapseln eingebettet liegen. Sie filtern das Blut und scheiden Abfallprodukte in Wasser gelöst als Urin aus. Durch die Harnleiter wird der Urin in die Harnblase transportiert, dort wird er gesammelt und über die Harnröhre ausgeschieden.

 

die weiblichen Harnwege

Die Harnwege beim weiblichen Meerschweinchen:

1 Harnblase
2 Gebärmutter
3 Dickdarm
4 Perinealtasche

 

Die Harnröhre beim weiblichen Tier ist etwa 20 mm lang bei einem Durchmesser von 2-3 mm. Die geringe Länge und die typische Art des Harnabsatzes und Markierens weiblicher Meerschweinchen prädestinieren sie als Eintrittspforte für Infektionen.

 

die männlichen Harnwege

Die Harnwege beim männlichen Meerschweinchen:

1 Harnblase
2 Hoden mit Nebenhoden und Fettgewebe
3 Enddarm
4 Perinealtasche
5 Penis
6 Bulbourethraldrüsen
7 Prostata
8 Samenblasendrüsen

 

Die Harnröhre männlicher Tiere ist etwa 50 - 75 mm lang und weniger dehnbar als die der Weibchen. Sie besteht aus einem Abschnitt, der vom Blasenhals zum Penis führt (pars pelvina) und ab dem Hinterrand der Beckensymphyse innerhalb dessen verläuft (pars spongiosa).

Für eine Erkrankung der Harnwege sprechen vermehrter Durst und Harnabsatz, blutiger oder übelriechender Urin, ein ständig nasser Bauch, Schmerzen und Buckeln beim Wasserlassen, auch Unwohlsein, Appetitlosigkeit und Ödeme, vor allem der Vorderbeine. Erkrankte Tiere werden auf Grund der Symptomatik häufig mit dem Verdacht auf Verstopfung vorgestellt.

 

Urin - Farbe und Beschaffenheit

Der Harn von Meerschweinchen kann, je nach Art der Fütterung und Tränke, von farblos und flüssig bis hin zu zähfließend und rötlich oder milchig sein. Weiße oder andersfarbene Beimengungen nennt man "Blasenschlamm", dieser kann bei häufigerem Auftreten als erstes Anzeichen einer Blasenkrankheit angesehen werden und zu Komplikationen mit Blasensteinen führen. Rötlich gefärbter Urin ist nach Verfütterung von Rote Beete, Karotten oder beim Abnagen von Haselnusszweigen zu beobachten, kann aber auch ein Hinweis auf Blutspuren sein. Blut im Urin ist immer ein Alarmzeichen! Meerschweinchen haben keinerlei natürliche Blutungen, man sollte umgehend abklären, ob eine Infektion des Harntraktes, Blasensteine, Blasenschlamm, Tumore oder Verletzungen vorliegen.

Urin- Teststreifen

Ein Teststreifen (Medi Test 9, links) und die Normalwerte nach Eintauchen in Meerschweinchenurin: pH-Wert 9, alle anderen Parameter sollten negativ sein (rechts).

 

Eine grobe Differenzierung kann durch Urin- Teststreifen erfolgen. Manchmal zeigt das Teststäbchen Spuren von Eiweiß im Urin, das muss nicht unbedingt krankhaft sein, wegen des hohen pH- Wertes von 9 können falsch- positive Angaben entstehen.

Beim Vorliegen von Eiweiß, vorangegangener Sulfonamidgabe oder Bleivergiftung kann ein Nachdunkeln des Urins auftreten. Bei Leberschäden wird mit dem Urin farbloses Urobilinogen ausgeschieden, welches durch den Luftsauerstoff zum rotbraunen Urobilin oxidiert wird. Wenn ein zunächst normalfarbener Harn sich nach kurzer Zeit rötlich oder bräunlich färbt, kann das auch auf ein Leberproblem hindeuten.

Brauner Urin kann Zeichen älterer Blutungen sein, dieser Fall ist manchmal nach Operationen zu beobachten. Auch positive Zuckerwerte sind nicht zwangsläufig als krankhaft einzuschätzen, Meerschweinchen neigen zu einer stressbedingten Glukosurie, so dass zur Diagnose von Diabetes stets eine zusätzliche Blutprobe erforderlich ist. Ein positiver Nachweis von Nitrit weist immer auf eine bakterielle Infektion der ableitenden Harnwege hin. Zur exakten Diagnostik kann zusätzlich ein Röntgenbild wertvolle Dienste leisten, vor allem um Blasensteine auszuschließen.

 

Nieren

Wenn die Nieren nicht korrekt arbeiten, werden Abfallprodukte nicht aus dem Blut gefiltert oder wichtige Bestandteile des Blutes, z.B. Eiweiß oder zuviel Wasser ausgeschieden. Nierenkrankheiten werden meist von Gewichtsverlust begleitet, manchmal kann in der Atemluft ein süßlicher Geruch ähnlich Azeton festgestellt werden. Die Diagnose einer Nierenerkrankung kann mittels Urinuntersuchung erhärtet werden, vermindertes spezifisches Gewicht und erhöhtes Auftreten von Eiweiß sprechen dafür. Zusätzlich können erhöhte Harnstoff und Kreatinin- Werte bei einer Blutuntersuchung Aufschluss geben. Leider haben Nierenerkrankungen keine günstige Prognose.

Wasseransammlungen, sog. Hydronephrosen, werden hauptsächlich bei Tieren über 4 Jahren gesehen, das Nierengewebe schwindet durch den Druck der Flüssigkeit und es entwickelt sich eine chronische Nephrose. Beim Verzehr oxalsäurereicher Kost wie Rhabarber, Sauerampfer oder Mangold können sich Kalzium- Oxalatkristalle in den Nieren ablagern und eine akute Nephritis bewirken. Chronische Nierenentzündungen werden beim Meerschweinchen als Folge von Staphylokokken- Infektionen z.B. bei Ballenentzündungen und von Parasitenbefall mit Klossiella cobayae beschrieben.

 

Harnleiter

Gelegentlich leiden Meerschweinchen an Steinen oder Kristallen in den Harnleitern. Diese sind außerordentlich schmerzhaft und müssen sofort operativ entfernt werden.

 

Blase

Tritt bei Meerschweinchen Blut im Urin auf, handelt es sich meist um eine einfache Blaseninfektion. Bei der Urinuntersuchung findet man rote und weiße Blutkörperchen, manchmal Eiweiß und Bakterien. Wenn beim Durchtasten der Blase keine Blasensteine fühlbar oder Schmerzen auslösbar sind, führt eine 4-5 -tägige Antibiotikagabe meist zum Erfolg. Ansonsten sollte unbedingt ein Röntgenbild angefertigt werden. Blaseninfektionen werden gehäuft bei weiblichen Meerschweinchen beobachtet, weil deren Harnröhre kürzer und breiter ist als die der Böcke und so bakterielle Infektionen leichter eindringen können. Sie sind relativ einfach therapierbar, neigen jedoch zu Rezidiven.

Manchmal wird Harnträufeln beobachtet, besonders bei über 2 Jahre alten, dicken und behäbigen weiblichen Tieren. Eine Therapie ist nicht bekannt, es empfiehlt sich, die Haut sauber zu halten und durch Eincremen vor dem Urin zu schützen.

Beim Blasenschlamm handelt es sich meist um stark kalziumhaltige, kleine Steine. Ursache kann ein Überangebot von Kalzium oder Vitamin D mit der Nahrung sein, die speziell in Luzerneheu sowie in Körner- und Trockenfutter enthalten sind. Auch zwischen den Farbstoffen, die in Futter verwendet werden und Blasenproblemen kann ein Zusammenhang bestehen. Es wird über einen deutlichen Anstieg von Entzündungen der Harnwege und Nieren/Blasensteinen bei Tieren berichtet, die viel "buntes" Futter aufnehmen.

 

Blasensteine

Die Ätiologie der Blasensteine ist unklar. Normaler Urin von Meerschweinchen enthält, abhängig von der Ernährung, mehr oder weniger Kalzium- Oxalat- Kristalle. Die Mehrzahl der Tiere entwickelt daraus keine Steine. Zusammen mit anderen prädisponierenden Faktoren wie Bewegungsmangel, verminderter Wasseraufnahme und Verfettung kann das zur Bildung größerer Urolithen führen. Bakterielle Infektionen, Futter mit hohem Gehalt an Kalzium oder Vitamin D sowie erblich Disposition können die Steinbildung begünstigen. Da beim Meerschweinchen mehrere unterschiedliche Steinarten vorkommen ist es wichtig, die chemische Zusammensetzung zu analysieren. Nur so kann im Einzelfall eine gezielte Vorbeuge gegen erneute Steinbildung abgeleitet werden.

Blasensteine können sowohl symptomlos vorhanden sein als auch lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen. Viele Steine bewirken Reizzustände mit anschließenden Entzündungen der Harnwege und blutigem Urin.

 

Harnröhre

Steine werden lebensgefährlich, wenn sie in die Harnröhre gelangen und dort stecken bleiben. Das kommt häufiger bei Böcken vor, weil deren Urethra länger und enger ist als bei weiblichen Schweinchen. Wenn ein Stein in der Harnröhre stecken bleibt, muss er sofort entfernt werden. Das kann von Aussen unter Einsatz von Gleitmitteln durch Druck, Zug und Massage oder operativ geschehen. Siehe auch Harnröhrenstein beim Meerschweinchen

 

Harnstein

Harnröhrenstein

 

Einige Minuten und Tassen Kaffee später:

Harnstein

Das "Baby" in "voller Schönheit"

 

Durch hohe Zuckeraufnahme mit der Nahrung kann der Urin angesäuert werden und zu einer Entzündung der Harnwege führen. Dadurch werden Haut und Schleimhäute in der Genitalregion gereizt ("Urin- Verbrennung"), durch Ablecken können auch Mund, Lippen und Zunge wund werden und Symptome ähnlich einem Lippengrind zeigen.

Beim Bock werden Verlegungen der Harnröhre durch verklebtes Ejakulat beschrieben.

Hier sind weitere Details aus der Fachliteratur über Harnsteine einsehbar.

 

Tumoren

Geschwülste und Neubildungen in den Harnwegen sind relativ selten, es werden Fälle von Blasenwand- und gestielten Tumoren beschrieben. Spezielle Therapien dagegen sind nicht bekannt.

 

Blasenwandtumor

Blasenwandtumor: der helle Fleck etwa 1 cm vor dem Oberschenkelknochen ist das mit Detritus gefüllte Lumen der Harnblase, die umgebende stark verdickte Blasenwand ist nur schwer zu erkennen.

 

Quellenangaben:

Cooper, G./Schiller A.: Anatomy of the Guinea Pig; Harvard University Press 1975
Drescher, B.: persönliche Mitteilungen, 2001
Gabrisch K./Zwart P.: Krankheiten der Heimtiere, 5. Auflage; Schlütersche Verlagsanstalt, Hannover, 2001
Popesco P., Rajtova V., Horak J.: Anatomy of small Laboratory Animals; Wolfe Publishing Ltd, 1992
Quesenberry K./Hillyer E.: Ferrets, Rabbits and Rodents; Clinical Medicine and Surgery; W.B. Saunders Company
Richardson V.C.G.: Diseases of Domestic Guinea Pigs; Blackwell Science Inc. 2000
Stanley-Spatcher V., Cambridge Cavy Trust Veterinary Hospital; persönliche Mitteilungen

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